Julius Evola

HEIDNISCHER IMPERIALISMUS

Mechanische Kraft und individuelle Macht


Die dritte der europäischen Illusionen ist die mechanische Macht, die sich von den technischen Anwendungen der profanen Wissenschaft herschreibt: worin man indessen einmütig den berechtigten Stolz, den Triumph der abendländischen Zivilisation zu sehen glaubt.
Was den Demokratismus betrifft, auf dem das Ideal von der "Universalität" der abendländischen Wissenschaft fußt, so dürfen wir, wenn er in seinem sozialistischen und gleichmacherischen Anspruch im allgemeinen den Geist der neuen semitischen Glaubenslehre spiegelt, Vorläufer davon bereits in der sokratischen Methode und in einigen Aspekten des darauffolgenden griechischen Intellektualismus erkennen. Uns in dieser Ideenfolge an Nietzsche anschließend, können wir das als eine Vorwegnahme und einen Auftakt des christlich-jüdischen Geistes betrachten, denn eben in diesem Geist sehen wir in der umwälzendsten, konkretesten und unzweideutigsten Weise die universalistische und gleichmacherische Instanz sich offenbaren. Die griechische Kultur spiegelt dagegen weit eher eine aristokratische Auffassung des Wissens, und die Hauptmotive ihrer Spekulation wurden gerade aus Traditionen der Weisheit geschöpft. Die Lehre, daß das tatsächliche Wissen durch einen wirklichen Prozeß der "Reinigung" und der Verwandlung seiner selbst bedingt ist, dem eine aktive individuelle Initiative oder die traditionelle Macht eines "Ritus" vorsteht, und daß dieses Wissen nicht eine bloße Denkangelegenheit ist und noch weniger - wenn wir zu einem anderen Aspekt übergehen - Glaubens- und Gefühlsstoff, bleibt ein Grundthema der klassischen Welt, bis zum Neoplatonismus. Im passiven Verhalten der Anhänger der neuen Glaubenslehre dagegen, in ihrer Unduldsamkeit gegenüber einer jeden Methode und einer autonomen Disziplin des Individuums als Weg zu einer "Gnosis", zu einer tatsächlichen geistigen Erfahrung - eine versteckte, aber doch vorhandene Unduldsamkeit in den verschiedenen Lehren von der "Offenbarung", von der "Gnade" und von der sündhaften Seite jeder direkten und präzisen, auf die bloßen Kräfte des Menschen abgestellten Initiative -, in dem allen sind genügend Themen der Preisgabe, die, mit dem demokratischen und gleichmacherischen Pathos vereint, ausreichend Rechenschaft geben können von der Wirksamkeit des Christentums selbst in Bezug auf den sozialen, vulgarisierten, unorganischen, unpersönlichen Charakter des modernen Wissens.
Aber jenseits des bösen Universalismus gibt es in der modernen Wissenschaft im besonderen einen weiteren grundlegenden Punkt, der vom Christentum herrührt - wir meinen ihre dualistische Voraussetzung. In der modernen Wissenschaft ist die Natur tatsächlich als etwas "anderes" gedacht - als etwas Unbeseeltes, Äußerliches, vom Menschen gänzlich Abgespaltenes; sie wird übernommen - oder man denkt sie zu übernehmen - als eine Realität an sich, völlig unabhängig von dem, der sie erkennt, und noch mehr von der geistigen Welt dessen, der sie erkennt.
Nun schimmert durch das alles das Thema hindurch, das eben zum irrealistischen religiösen Verhalten gehört und das im genauen Gegensatz zum heidnisch-arischen Weltbild erstand. Es handelt sich um den Gegensatz zwischen Geist und Wirklichkeit; es handelt sich um den Dualismus: Geistes-Subjektivität gegen Natur-Objektivität; es handelt sich um den Verlust des Sinnes für das, was gerade geistige Objektivität bedeutet. Nachdem man einmal soweit war, erschien die natürliche Realität als fremd, stumm, unbeseelt, äußerlich, materiell - und gerade als solche bildete sie das Objekt einer neuen Wissenschaft, der profanen abendländischen Wissenschaft.
Obschon sie sich nicht in einem Naturalismus erschöpfte - wie es heute nur die Unwissenheit oder tendenziöse Fälschung Einiger hinstellen kann -, obschon sie um Ideale männlicher Überwindung und absoluter Befreiung wußte, war in der heidnischen Anschauung die Welt ein lebendiger Körper, durchdrungen von geheimen, göttlichen und dämonischen Kräften, von Bedeutungen und von Symbolen: "sinnlicher Ausdruck des Unsichtbaren" nach dem Worte des Olympiodorus. Der Mensch lebte in organischer und wesenhafter Verbundenheit mit den Kräften der Welt und der Überwelt, so sehr, daß er nach dem hermetischen Ausdruck sagen konnte, er sei "alles in allem, aus allen Mächten zusammengesetzt": der Sinn, der durch die arisch-aristokratische Lehre des âtmâ durchschimmert, ist kein anderer. Und diese Anschauung war die Grundlage, auf der sich als ein in seiner Weise vollkommenes Ganzes der corpus der traditionellen heiligen Wissenschaften entfaltete.
Das Christentum zerbrach diese Synthese, schuf eine tragische Kluft. So wurde auf der einen Seite der Geist das "Jenseits", das Irreale, das Subjekte - von dort die erste Wurzel der europäischen Abstraktheit; auf der anderen Seite wurde die Natur Materie, in sich geschlossene Äußerlichkeit, rätselhaftes Phänomen - von dort die Haltung, die die profane Wissenschaft ermöglichte.(1) Und wie das durch die Weisheit gegebene innere, direkte, integrale Wissen vom äußeren, intellektuellen, diskursiv-wissenschaftlichen, profanen ersetzt worden ist, so ist auch an die Stelle der organischen und wesenhaften Verbundenheit des Menschen mit den verborgenen Kräften der Natur, welche die Grundlage des traditionellen Ritus, der Macht des Opfers und der Magie selbst war, eine äußerliche, indirekte, gewalttätige Beziehung getreten: die Beziehung, die zur Technik und zur Maschine gehört. Derart also enthält die semitische Revolution selbst den Keim zur Mechanisierung des Lebens.
In der Maschine finden wir die unpersönliche und gleichmacherische Seite der Wissenschaft, die sie hervorbringt, gespiegelt. Wie das Gold die mechanisierte und nicht mehr ans Persönliche gebundene Seite der Abhängigkeit ist, wie die moderne Kultur ein universalistisches, für alle taugendes, unorganisches und wie eine Sache übertragbares Wissen besitzt - ebenso stehen wir mit der Welt der Maschine einer unpersönlichen, unorganischen Macht gegenüber, die auf Automatismen beruht, welche dieselben Wirkungen mit absoluter Indifferenz in Bezug auf den Tuenden hervorrufen. Die ganze Immoralität einer solchen Macht, die allen und keinem gehört, die kein Wert ist, die nicht Gerechtigkeit ist, die mittels Gewalt einen mächtiger machen kann, ohne ihn erst überlegen werden zu lassen, geht klar daraus hervor. Wie aber auch daraus hervorgeht, daß das nur möglich ist, weil sich von einer wahren und eigentlichen Tat in dieser Ordnung auch nicht ein Schatten findet: keine Wirkung, in der Welt der Technik und der Maschine, ist unmittelbar abhängig vom Ich als von ihrer Ursache, dagegen gibt es zwischen der einen und dem anderen, als Bedingung der Wirksamkeit, ein System von Determinismen und Gesetzen, die sich kennen, aber nicht verstehen lassen und die durch einen reinen Glaubensakt für konstant und uniform gehalten werden. Über das, was das Individuum ist, und über eine direkte individuelle Macht sagt die wissenschaftliche Technik nichts aus, ja: inmitten seines Wissens um Phänomene und seiner unzähligen diabolischen Maschinen ist das Individuum heute elender und ohnmächtiger als je, immer mehr bedingt als bedingend, immer mehr auf einem Wege vorrückend, auf dem die Notwendigkeit zu wollen sich auf ein Minimum beschränkt, das Gefühl seiner selbst, das unverlöschliche Feuer der individuellen Wesenheit gradweise in einer Müdigkeit, einer Preisgabe, einer Entartung erstickt.
Mag es ihm immerhin gelingen, mit den von seiner Wissenschaft entdeckten "Gesetzen", die für uns bloße statistisch-mathematische Abstraktionen sind, eine Welt zu zerstören oder zu erschaffen - keine wirkliche Beziehung zu den verschiedenen Ereignissen ändert sich damit nicht im geringsten: das Feuer wird ihn auch weiterhin brennen, organische Veränderungen sein Bewußtsein trüben, die Zeit, die Leidenschaft und der Tod ihn mit ihrem Gesetze beherrschen - allgemein gesagt: er wird durchaus dasselbe Wesen sein wie vorher, in derselben Zufälligkeit wie vorher, die sich auf jenen Grad in der Hierarchie der Wesen bezieht, den der Mensch mit allem, was nur menschlich ist, darstellt.
Einen solchen Grad überwinden; sich selbst integrieren; die Tat verwirklichen, indem man sie befreit, zum Tun bringt nicht unterhalb, sondern oberhalb der natürlichen Determinismen, nicht zwischen Phänomenen, sondern zwischen Ursachen und Phänomenen, direkt, mit der Unwiderstehlichkeit und dem Recht dessen, was überlegen ist - das vielmehr ist der Weg zur wahren Macht, der eins wird mit dem Weg zur Weisheit selbst: weil dort, wo kennen sein bedeutet, Gewißheit auch Macht bedeutet.
Aber diese Aufgabe erfordert vor allem die Überwindung des Dualismus, die Wiederherstellung des heidnischen Bildes der Natur, jener lebendigen, symbolischen, der Weisheit entsprechenden Auffassung, die alle großen antiken Kulturen von ihr hatten.
Wenn der gespensthafte Mensch von heute wieder ein seiender wird und den Kontakt und die Sympathie mit den verborgenen Kräften der Natur wiederherstellt, werden der Ritus, das Symbol und die Magie selbst nicht mehr "Phantasien" sein, wie es der Aberglaube derer möchte, die heute, wiewohl sie nichts davon wissen, als von einem durch ihre Wissenschaft überwundenen Aberglauben davon sprechen; und man wird jene Macht erkennen, die Gerechtigkeit ist, die Sanktion der Würde ist, natürliches Attribut eines integrierten Lebens, dem sie als etwas Lebendiges, Individuelles, Unveräußerliches angehört.
Was wir zu Beginn sagten, wiederholen wir: Europa hat eine Welt geschaffen, die in allen ihren Teilen eine unheilbare und vollkommene Antithese zu allem bildet, was die traditionelle Welt war. Es sind keine Kompromisse und Versöhnungen möglich, die beiden Auffassungen stehen eine gegen die andere, durch einen Abgrund getrennt, zu dem jede Brücke trügerisch ist. Andererseits eilt die semitisierte Zivilisation in schwindelerregendem Tempo ihren logischen Folgen entgegen, und die Schlußfolgerung, ohne daß wir Propheten sein wollten, wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die, welche diese Schlußfolgerung durchschauen und die ganze Absurdität und Tragik zu spüren vermögen, die darin liegt, müssen infolgedessen den Mut aufbringen, dem allen ein Nein entgegenzusetzen.
Es ist alles eine Welt. Diese Betrachtungen über die Wissenschaft und die Maschine zeigen deutlich genug, wie weit der Verzicht gehen muß und wie er gleichwohl nötig, unumgänglich ist. Ein Verzicht, der indessen keinen Sprung ins Leere bedeutet. Dieselben Betrachtungen zeigen, inwiefern ein anderes System von Werten, Möglichkeiten und Bewußtsein möglich ist, ebenso vollständig und total - ein anderer Mensch und eine andere Welt; die aus dem Schatten heraufbeschworen und wiederbelebt werden können, sobald sich diese Woge aus Unrast und Sinnlosigkeit vom Abendland zurückzuziehen beginnt.



Anmerkungen:

  1. Man bezichtige uns nicht der Einseitigkeit und der Parteilichkeit mit dem Hinweis auf die verschiedenen, auch der antiken heidnischen und der orientalischen Welt bekannten Dualismen. Diese Dualismen haben nicht den Charakter der christlichen. Auch Platon kannte das "Andere" - aber dieses "Andere" wurde als etwas Nichtseiendes betrachtet, als etwas Ungreifbares und Illusorisches, nicht als eine Realität an sich - und die Idee von der Materie kannte das Griechentum erst im späten Stoizismus. Die orientalische mâyâ, mehr als ein Dualismus, zeigt ein solches Empfinden für die Gegenwärtigkeit des Geistes in den Dingen, daß deren sinnlicher Aspekt als ein Schleier trügerischen Scheines spürbar wird. Die iranischen Lehren kannten wohl zwei kosmische Kräfte im Kampf, aber eben deshalb befanden sich diese auf der gleichen Ebene und strebten eine Synthese an, die durch die endliche Oberherrschaft der einen über die andere gegeben war. Die reine, unbeseelte, bloß materielle und dem Ich entgegengesetzte Natur gab es erst, als der Geist in ein abstraktes "Jenseits" verbannt wurde, d. h. erst in der jüdisch-christlichen Mentalität.

(Erschienen 1933 im ARMANEN-VERLAG, Leipzig; Deutsch von Friedrich Bauer. Die Originalausgabe erschien 1928 bei ATANOR, Todi.)



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