Julius Evola

HEIDNISCHER IMPERIALISMUS

Anti-Historizismus


Gehen wir ьber zur Betrachtung der demokratischen Entgleisung, entsprechend ihren historizistischen Verkleidungen. Fьr unsere Kritik nehmen wir die Ideologie eines Italieners, Giuseppe Mazzinis: dies nur als Anknьpfungspunkt. Denn dieselben Betrachtungen lassen sich ohne weiteres auch auf andere Konzeptionen ausdehnen, die denselben Geist atmen und die heute alles andere als selten sind. Aber die mazzinische Ideologie ist im besonderen interessant durch den Versuch, verschiedene Motive zusammenzumengen, nicht ausgenommen die rцmische Idee selbst.
Der demokratische Wille dieser Richtung hat eine "Philosophie der Geschichte" erfunden, die bloЯzustellen schon die vorausgehenden Betrachtungen genьgen. Sie "vergegenstдndlicht" nicht nur, sondern theologisiert geradezu das "Volk": die Wesenheit Volk wird ein mystischer Kцrper, in welchem die Gottheit selbst, vom Himmel geholt und gebьhrend sozialisiert, gegenwдrtig sein und sich offenbaren soll als in ihrem Interpreten - gemдЯ einem Gesetz progressiver Entwicklung, das die Evolution der Menschheit selbst ist, durch groЯe Zyklen hindurch, deren jeder eine Idee oder "Offenbarung" des gцttlichen Verstandes spiegelt.
Das ist eine miserable moderene Mythologie, der niemand Ernsthafter Glauben schenken wird und deren semitisch-protestantischer Charakter unmittelbar in die Augen springt. Wir wiederholen, daЯ die Wesenheit Volk, wenn sie nicht eine bloЯe Abstraktion ist, eine minderwertige, irrationale, "dдmonische" Wesenheit ist, die an sich, ohne die beherrschende Aktion von hцheren Wesen, keinerlei Beziehungen zum Gцttlichen haben kцnnte. Wir betrachten die Idee als eine Verirrung, daЯ das Gцttliche im Mischmasch, im Massenelement, und nicht in denen, die bereits selbst annдhernd gцttliche Naturen sind, sich in irgendeiner Weise offenbaren sollte. Wir bleiben bei der dorisch-olympischen Idee von der Ьberlegenheit der "Gцtter" ьber alles, was Werden ist, und nennen Aberglauben, der von unten kommt, antiaristokratischen Mythos von Parvenus die Idee vom "Fortschritt", von der "Evolution der Menschheit", nennen Phantasie schwдchlicher Seelen die Idee von einem providentiellen oder irgendwie vernьnftigen Plan der Geschichte, die Idee, daЯ alles, was geschieht, vernьnftig und gerechtfertigt sei und sich der Verwirklichung eines transzendenten Zieles ьberordne, an dessen Stelle dann immer die private Meinung des einen oder anderen Philosophen zu finden ist. Als freie Menschen sehen wir in der Geschichte die Freiheit und bestreiten die RechtmдЯigkeit der Idee einer "Philosophie der Geschichte" im besonderen, da sie nur eine Verkleidung des Determinismus ausdrьckt, die Unfдhigkeit, die lebendige, individuelle, einmalige Realitдt der geschichtlichen Tatsachen zu sehen und zu wollen. Als aristokratische Geister stellen wir dem modernen Mythos der Evolution und der Entwicklung das traditionelle Ideal der Stabilitдt entgegen und allenfalls noch den traditionellen Mythos der Involution, des Niedergangs, der von Hesiod bis zu den Iraniern, von den Chaldдern bis zu den Indern, von den Дgyptern bis zu den nordischen Anschauungen ьber das ragna-rцkkr einheitlich als "Sinn der Geschichte" gegeben worden ist, durch Lehren wie die von den "vier Zeitaltern".
Was will nun aber eigentlich die Geschichtsphilosophie Mazzinis? Nur eines: zeigen, daЯ das, was sein soll, weil es die "Zielstrebigkeit" des geschichtlichen Fortschritts selbst verkцrpert, und was ein "drittes Rom" als seine prophetische Mission zu ьbernehmen hдtte, das Anti-Imperium ist, d. h. das Ideal von der Einheits-Menschheit, verwirklicht durch die Verbrьderung gleicher Vцlker, durch das unpersцnliche SichzusammenschlieЯen in einer antimonarchischen Fцderation, die jeder Hierarchie von oben feindlich ist, indem sie sich der Illusion hingibt, in einem mythischen "Willen des Volkes" den Aberglauben eines "gцttlichen Willens" ausdrьcken zu kцnnen. Entkleidet man diese Ideologie aller mystischen Aspekte, betrachtet man sie genauer, indem man ihren verborgenen und uneingestandenen Impulsen, die sie beseelen, nachspьrt, so findet man denselben Sophismus der Demokratie und der Anarchie, dieselbe optimistische Illusion in bezug auf die Vernьnftigkeit der Masse und der Geschichte; man findet denselben hervorstechenden, unzweideutigen Ausdruck dessen, was als Ideal der "ecclesia" erstand durch die semitisch-plebejische Erhebung gegen das rцmische Ideal; und man findet deshalb im Wesentlichen den Geist der Reformation, denselben Geist, von dem die moderne Organisation herkommt: die antiimperiale, antiaristokratische, antireligiцse - weil sie die Religion auf die bloЯe Sozialitдt beschrдnkt - und antiqualitative Organisation, wie sie der angelsдchsischen und amerikanischen Gesellschaft eignet.

(Erschienen 1933 im ARMANEN-VERLAG, Leipzig; Deutsch von Friedrich Bauer. Die Originalausgabe erschien 1928 bei ATANOR, Todi.)



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