Julius Evola

HEIDNISCHER IMPERIALISMUS

Die Unmöglichkeit einer demokratischen Selbstregierung


Kehren wir zum Liberalismus zurück.
Wir haben den Kompromiß aufgezeigt, der ihn beherrscht in seiner Velleität, den "ewigen Grundsatz" der Freiheit zu bejahen. Ein Kompromiß, der sich in einen wahren und eigentlichen Widerspruch verwandelt, wenn man, das Problem vom Individuum zur Gesellschaft hin verschiedend, neben jenem der Freiheit noch einen anderen "ewigen" Grundsatz bejaht: den der Gleichheit. Wie kann man übersehen, daß, wenn es Gleichheit gibt, es keine Freiheit geben kann? Daß die Nivellierung der Möglichkeiten, die Identität der Pflichten und der Rechte, der Despotismus eines Gesetzes, das sich lediglich auf die Quantität gründet, die Freiheit unmöglich macht? Wiederholen wir nochmals: wahre Freiheit gibt es nur in der Hierarchie, im Unterschied, in der Unversehrbarkeit der individuellen Qualitäten; es gibt sie nur dort, wo das soziale Problem derart gelöst wird, daß man die restlose Entfaltung der menschlichen Möglichkeiten begünstigt, auf Grund eines Ideals der Gliederung, folglich der Ungleichheit, wofür das vollkommendste Vorbild das antike Kasten-System ist - aber abgesehen davon gibt es wahre Freiheit nur dann, wenn der Sinn der Treue, des Heldentums, des Opfers die kleinen Werte des materiellen, wirtschaftlichen und politischen Lebens zu überwinden vermag.
Aber untersuchen wir den oberflächlich-widersinnigen Charakter genauer, welcher der antiimperialen Haltung anhaftet.
Demokratie, heißt es, sei Selbstregierung des Volkes. Der souveräne Wille ist der von Vielen, die ihm freien Ausdruck verleihen durch die Wahl, durch das Symbol des Vertreters, der sich vor dem Allgemeininteresse zu beugen hat.
Aber wenn man auf die "Selbstregierung" besteht, so wird es immer auf eine Unterscheidung zwischen Regierenden und Regierten hinauslaufen, insofern sich noch keine Staatsordnung bildet, wenn der Wille der Vielen sich nicht in Einzelpersönlichkeiten verdichtet, die man mit der Regierung betraut. Diese Persönlichkeiten, soviel ist gewiß, werden nicht zufällig gewählt: es werden die sein, in denen man größere Fähigkeiten zu erkennen glaubt, also wohl oder übel eine Überlegenheit über die anderen, so daß man sie nicht als bloßes Sprachrohr betrachtet, vielmehr in ihnen ein Prinzip der Autonomie, eine gesetzgeberische Initiative vermutet.
Darum muß, im Schoße der Demokratie, ein antidemokratischer Faktor auftauchen, den sie vergeblich zu unterdrücken versucht durch die Grundsätze des Wahlrechts und der Sanktion durch das Volk. Wir sagen: vergeblich, weil sich die Überlegenheit der Überlegenen unter anderem darin ausdrückt, daß sie imstande sind, einen wahren Wert zu erkennen, ebenso, die verschiedenen Werte zu hierarchisieren, d. h. die einen den anderen unter- oder überzuordnen. Nun stellen die obengenannten demokratischen Grundsätze die Sache völlig auf den Kopf, insofern sie das Urteil (sei es im Hinblick auf die Wahl oder im Hinblick auf die Sanktion), das zu entscheiden hat, welches der höhere Wert ist, der Masse anheimstellen, d. h. hypothetisch der Gesamtheit derer, die am wenigsten zum Urteil taugen oder deren Urteil sich notwendig auf die niedrigen Werte des unmittelbaren Lebens beschränkt. Und deshalb kann man im demokratischen Regime sicher sein, daß die, welche die besten Perspektiven (wenn auch als Hirngespinst) in bezug auf das rein Praktische und Nützliche zu entwerfen verstehen, einen verhängnisvollen Vorrang gegenüber den anderen einnehmen werden. In diesem Irrtum - ähnlich dem Irrtum dessen, der, nachdem man eingewilligt hat, daß die Blinden von den Sehenden geführt werden, verlangte, daß nun die Blinden zu entscheiden hätten, wer sieht oder nicht sieht -, in diesem Irrtum ist also die Hauptursache zu suchen jener modernen Degradierung der politischen Wirklichkeit zur rein empirischen, utilitaristischen und materiellen Wirklichkeit.
Bleibt noch, das ist richtig, ein möglicher Einwand: daß das materielle Wohlergehen, kontrollierbar von Seiten des Volkes, zur Entfaltung einer höheren Ordnung beitragen könne. Aber darüber läßt sich streiten. Tatsache ist, daß Augenblicken sozialer Krise höhere Werte und regenerierende Kräfte entsprungen sind dort, wo die "Verweichlichung von Capua", wo die Perioden wirtschaftlichen Überflusses oft eine Verflachung und Trübung des geistigen Lebens mit sich brachten. Es ist ein Abglanz von dem, was sich im Leben der einzelnen Individuen begibt, wo gewisse Werte eher dem Boden des Leibes, des Verzichts und der Ungerechtigkeit entspringen, und wo ein gewisser Grad von Spannung, von "gefährlichem Leben" in jedem Betracht, der beste Sauerteig ist, um den Sinn der geistigen Bereitschaft wachzuhalten. Aber ohne uns hierauf versteifen zu wollen, möchten wir uns auf die Frage beschränken: nach welchem Kriterium soll die Masse der Vielen jene erkennen, die sie leiten sollen, weil sie imstande sind, sich auch um höhere Werte zu kümmern, wiewohl auf der Grundlage der materiellen?
Die Wahrheit ist, daß der Demokratismus von einer recht billigen optimistischen Voraussetzung lebt. Er gibt sich durchaus nicht Rechenschaft von dem absolut irrationalen Charakter der Massenpsychologie. Wie wir schon oben angemerkt haben, als wir von den Ideen-Kräften sprachen, wird die Masse nicht von der Vernunft bewegt, sondern von der Begeisterung, vom Gemüt, von der Suggestion. Wie ein Weibchen folgt sie dem, der sie am besten zu faszinieren versteht, indem er sie ängstigt oder sie anlockt mit Mitteln, die keinerlei Logik in sich haben. Wie ein Weibchen ist sie unbeständig und wechselt vom einen zum anderen, ohne daß ein solcher Wechsel in Übereinstimmung gebracht werden könnte mit einem vernünftigen Gesetz oder einem progressiven Rhythmus. Besonders das vom "Fortschritt", bezogen nicht auf ein bloßes Sich-Rechenschaft-geben-darüber, daß sich die Dinge vom materiellen Standpunkt zum Besseren oder Schlechteren wenden, sondern bezogen auf den Wechsel von einem materiellen Kriterium zu einem höherem Kriterium, ist ein abendländischer Aberglaube, der aus der jakobinischen Ideologie entstanden ist und gegen den man gar nie energisch genug vorgehen kann. Indessen wäre es möglich, von einer Selbstregierung der Massen zu sprechen, könnte man der Kollektivität das Wahl- und Sanktionsrecht überlassen, sofern das alles nicht wahr wäre und wahr dagegen, daß das "Volk" als eine einzige Intelligenz betrachtet werden kann, als ein einziges großes Wesen, das ein einziges, eigenes, bewußtes und vernünftiges Leben lebt. Aber das ist nichts als ein optimistischer Mythos, den keine einzige soziale oder historische Betrachtung bestätigt und den nur ein Geschlecht von Knechten erfunden hat, die, wahre Führer nicht duldend, eine Maske suchten für ihren anarchischen Dünkel, alles selber zu machen, und für ihren aufrührerischen Willen.
Vom Demokratismus vorausgesetzt, wird es dieser Optimismus auch, und in hervorragendem Maße, von den anarchischen Doktrinen. In eine rationalistisch-theologische Form gebracht, erscheint er auch noch auf der Basis der historizistischen Strömungen und der Theorie vom "absoluten Staat" selbst.

(Erschienen 1933 im ARMANEN-VERLAG, Leipzig; Deutsch von Friedrich Bauer. Die Originalausgabe erschien 1928 bei ATANOR, Todi.)



Ýâîëà

Áèáëèîòåêà òðàäèöèîíàëèñòà | Àðêòîãåÿ | Àðèåñ |Ìèëûé àíãåë | Âòîðæåíèå | Ýëåìåíòû | Íîâûé Óíèâåðñèòåò

Êîíåö ìèðà | Êàòàëîã "Àðêòîãåè" | FINIS MUNDI | Ñòàòüè Äóãèíà | Êíèãè Äóãèíà | Ïîýçèÿ | Àðòãàëåðåÿ