Julius Evola

HEIDNISCHER IMPERIALISMUS

Das neue Symbol


Ist in dieser Dämmerwelt noch eine Befreiung und eine Erneuerung möglich?
Gibt es in Europa noch hinreichend Kraft, um zum Bewußtsein und zum Willen für eine solche Aufgabe gelangen zu lassen?
Man soll sich nicht täuschen: erst, wenn man eingesehen hat, kann man handeln. Zu verzeichnen ist die bedrohliche Wirklichkeit eines geistigen Zerstörungsprozesses, dessen Wurzeln zurück bis fast in den Boden der Vorgeschichte reichen; dessen Höhepunkte mit dem zusammenfallen, was die heutigen Menschen im Wesentlichen als ihre Kulturwerte rühmen; dessen Wirkungen sich bereits in allen Bereichen des Denkens und Tuns offenbaren.
Es geht nicht um Kompromisse. Es geht nicht um Anpassungen. Wir brauchen die Macht eines neuen Mittelalters. Wir brauchen eine radikale, tiefgreifende Umwälzung - einen Aufstand von barbarischer Reinheit, im Innern wie im Äußern. Philosphie, "Kultur", Tagespolitik: nichts von dem allen. Es geht nicht darum, sich in diesem Sterbebett auf die andere Seite zu drehen. Es geht darum, endlich zu erwachen und sich auf die Beine zu stellen.
Da und dort gibt es noch welche, die eines alten Adels eingedenk sind, die nun als einzelne das unerträglich gewordene Unbehagen verspüren und sich bald auf dem einen, bald auf dem anderen Kulturgebiet zu Reaktionen gedrängt fühlen. Bevor es zu spät ist, sind diesen Versprengten die Gipfellinien ins Bewußtsein zu rufen - jenseits aller Begrenzungen und aller Sonderinteressen, die heute ihre Kräfte aufzehren. Eine unerbittliche Aktion muß bewirken, daß ihre reinste Kraft zur Entfaltung gelangt, als etwas Unbesiegliches, bereit, die schmutzige Kruste aus Rhetorik, Sentimentalismen, Moralismen und religiöser Heuchelei zu zerschlagen, mit der das Abendland alles überzogen und humanisiert hat. Wer in den Tempel eindringt - und sei es als Barbar - hat die unabweisliche Pflicht, alle diejenigen als Verderber daraus zu vertreiben, die im "zivilisierten" Europa aus dem "Geist", dem Guten und dem Bösen, der Wissenschaft und dem Göttlichen ein Monopol gemacht haben und marktschreierisch ihr Leben davon fristen, während sie alle in Wirklichkeit nichts kennen, als die Materie und das, was die Worte, die Angst und der Aberglaube der Menschen auf dieser Materie aufgeschichtet haben.
Dem allen ist ein - Genug! - entgegenzusetzen, damit wieder einige zurückgewonnen werden für die langen Wege, die lange Gefahr, die lange Betrachtung und das lange Schweigen; damit der Wind der Weite wieder wehe - der Wind der urnordischen Tradition - und die Schlafenden des Abendlandes erwecke.
Anti-Philosophie, Anti-Humanitarismus, Anti-Literatur, Anti-"Religion" - das ist die Voraussetzung. Genug! ist zu sagen zu den Ästhetizismen und Idealismen, genug! zu dem Durste der Seele, die einen semitischen Gott sich erschafft, um ihn anzubeten und ihn anzuflehen, genug! zu dem "Bedürfnis", das Bettler-Menschen an die Fessel der Gemeinschaft bindet, um ihnen in gegenseitiger Abhängigkeit die Konsistenz zu geben, der jeder ermangelt.
Über das alles muß hinweg-, muß hinausgegangen werden mit reinen Kräften. Als welche sich dann vor eine Aufgabe gestellt sehen, die die "Politik" hinter sich läßt, die der Jammergebärde und des äußeren Widerhalles nicht achtet, die so beschaffen ist, daß die materielle, über den Dingen und Personen schwingende Kraft nichts mehr auszurichten vermag.
In der Stille, in der strengen Disziplin der Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung müssen wir mit dem zähen, hartnäckigen Eifer von Einzelnen eine Eliteschar schaffen, in der ein "solare" Weisheit wiederersteht: jene virtus, die nicht mit sich reden läßt, die aus der Tiefe der Sinne und der Seele kommt, und die sich nicht in Argumenten und Büchern beweist, sondern in schöpferischen Taten.
Wir müssen wieder erwachen zu einem erneuerten, vergeistigten, herben Erlebnis der Welt, nicht als einem philosophischen Begriff, sondern als etwas, das in unserem eigenen Blute vibriert: zum Erlebnis der Welt als Macht, zum Erlebnis der Welt als Rhythmus, zum Erlebnis der Welt als Opferkult. Dieses Erlebnis der Welt wird harte, starke, aktive Gestalten erschaffen, Wesen aus nichts als aus Kraft, aufgeschlossen jenem Gefühl für Freiheit und Hoheit, jenem kosmischen Atem, von dem die "Toten", die in Europa davon gefaselt, noch nicht einen Hauch verspürt haben.
Entgegen der profanen, demokratischen und materialistischen Wissenschaft, die immer relativ und bedingt ist, Sklavin unverständlicher Erscheinungen und Gesetze, taub für die tiefere Wirklichkeit des Menschen, müssen wir - in dieser Elite - die heilige, innerliche, geheime und schöpferische Wissenschaft der Verwirklichung und der "Würdigmachung" seiner selbst wiedererwecken; die Wissenschaft, die zu den verborgenen Kräften führt, welche unseren Organismus regieren und sich dort mit den unsichtbaren Wurzeln der Rasse und der Dinge selbst vereinen, und die über diese Kräfte gebietet; damit, nicht als Mythos, sondern als die positivste aller Realitäten, Menschen als Wesen wiedergeboren werden, die nicht mehr dem "Leben" angehören, sondern bereits dem "Mehr-als-Leben" und die fähig sind zu einer transzendenten Tat.
Dann wird es Führer geben, ein Führergeschlecht. Unsichtbare Führer, die nicht reden und sich nicht zeigen, aber deren Tun keinen Widerstand kennt und die alles vermögen. Und dann wird es wieder eine Mitte geben im Abendland - im Abendland ohne Mitte.
Es ist durchaus ein Irrtum, zu meinen, man könne zu einer Erneuerung gelangen, wenn man nicht eine Hierarchie wiederherstellt, d.h. wenn man nicht jenseits der niedrigen, an die Erde und die Materie, an den Menschen und das Menschliche gebundenen Formen ein höheres Gesetz, ein höheres Recht, eine höhere Ordnung aufstellt, die sich nur in der lebendigen Wirklichkeit von Führen bewahrheiten können.
Es ist durchaus ein Irrtum, zu glauben, der Staat könne etwas anderes als eine civitas diaboli sein, wenn er nicht als Imperium wiederersteht: aber es ist auch durchaus ein Irrtum, das Imperium auf der Grundlage von wirtschaftlichen, militärischen, industriellen oder auch "idealen" oder nationalistischen Faktoren errichten zu wollen. Das Imperium ist - nach der traditionsverwurzelten Urauffassung - etwas Transzendentes, und nur der verwirklicht es, der die Kraft hat, das nichtige Leben der nichtigen Menschen zu überwinden, mitsamt ihren Appetiten und Sentimentalismen, ihrem armseligen Nationaldünkel, ihren "Werten", "Unwerten" und Götzen.
Das begriffen die Menschen der Antike, wenn sie an der Spitze ihrer Hierarchie Wesen verehrten, deren königliche Natur mit der sakralen verschmolz, in denen sich die zeitliche Macht mit der geistigen Autoriät von "nicht mehr menschlichen" Naturen durchdrang, Träger einer geheimnisvollen und unbezwinglichen Kraft des "Siegs" und des "Glücks"; wenn sie in jedem Krieg gleichsam einen "heiligen Krieg" erlebten, etwas Universales, Überwältigendes, das alles umstürzte und neu organisierte - mit der Reinheit und Schicksalshaftigkeit von großen Naturgewalten.
Begreifen es auch die, die noch Widerstand leisten können und wollen ? Begreifen sie, daß es keine andere Alternative gibt? Daß es kein anderer Geist ist, der - wenn auch in anderen Formen und anderen Gestalten - wiedererweckt werden muß? Daß dies die Bedingung dafür ist, damit eine jede ihrer "Revolutionen" nicht nur eine kleine Zufälligkeit bleibt einer einzelnen Nation, sondern ein universaler Beginn wird, ein erster Lichtstrahl im dichten Nebel des "dunklen Zeitalters" - des abendländischen kâlî-yuga? Der Beginn des wahren Wiederaufbaus und der einzig möglichen Gesundung?

(Erschienen 1933 im ARMANEN-VERLAG, Leipzig; Deutsch von Friedrich Bauer. Die Originalausgabe erschien 1928 bei ATANOR, Todi.)



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